Die meisten Firmen haben inzwischen KI-Lizenzen. Deutlich weniger Firmen haben Mitarbeiter, die damit arbeiten. Das ist kein Technikproblem und daher löst man es auch nicht mit Technik.
Meine These: Ein Unternehmen ist nicht deshalb vorn, weil es die besten Modelle einkauft. Es ist vorn, wenn möglichst viele Leute im Haus KI selbstverständlich benutzen. Der Vertrieb, die Konstruktion, die Buchhaltung und nicht nur zwei Enthusiasten in der IT. Der Vorsprung entsteht in der Breite, nicht in der Spitze.
Ich habe deshalb angefangen, eine offene KI-Agenten-Sprechstunde anzubieten. Hier steht, wie das Format aussieht, was daran funktioniert hat, und was nicht.
Warum Schulungen das Problem nicht lösen
Die naheliegende Reaktion auf „unsere Leute nutzen KI zu wenig“ ist eine Schulung. Zwei Stunden, Folien, ein Trainer, dreißig Teilnehmer. Danach ist das Thema abgehakt und es ändert sich wenig. Auch wir hatten ein KickOff Termin, wo uns die Regeln gezeigt wurden.
Der Zeitpunkt stimmt nicht. In einer Schulung lernst du Dinge, die du gerade nicht brauchst. Die Frage, die dich wirklich blockiert, hast du drei Wochen später und dann ist niemand da.
Die Fragen kommen nicht. In einem Raum mit dreißig Leuten fragt niemand „wo klicke ich da eigentlich hin“. Genau das ist aber oft die echte Hürde.
Es passiert nichts an deinem Rechner. Zuschauen erzeugt das Gefühl, es verstanden zu haben. Das hält bis zum ersten eigenen Versuch.
Was Leute stattdessen brauchen: jemanden, den sie in dem Moment fragen können, in dem sie feststecken. Niedrigschwellig, ohne Anmeldung, ohne sich zu blamieren.
Das Format
Die Sprechstunde ist bewusst unspektakulär:
- Immer wenn ich im Büro bin. Kein fester Rhythmus, dafür regelmäßig. Termine kündige ich an bzw. sind auf einer confluence Seite öffentlich in der ganzen Firma sichtbar.
- Eine Stunde, manchmal 45 Minuten. Kurz genug, dass man es zwischen zwei Meetings schafft.
- Maximal 5 Leute. Wer zuerst sitzt, ist dabei. Ab der sechsten Person wird es ein Vortrag und genau das soll es nicht sein.
- Keine Anmeldung. Jede Anmeldepflicht ist eine Hürde und erzeugt Erwartungsdruck.
- Keine Folien, kein Programm. Ich bereite nichts vor. Das Programm bringen die Teilnehmer mit.
- Notebook mitbringen, Agent installiert. Egal welcher Claude, Junie, Copilot, continue, Windsurf, etc.. Es wird am eigenen Rechner an echten Aufgaben gearbeitet.
Der letzte Punkt ist der wichtigste. Nicht ich zeige etwas, sondern jemand hat zeigt an seinem Rechner was und wir lösen es gemeinsam. Die anderen vier hören zu und nehmen mit, was für sie passt. Nebenbei sehen sie, dass auch ich Sachen dreimal umformulieren muss, bis sie klappen. Das nimmt mehr Druck raus als jede Folie über „Prompt Engineering“. In der Regel hab ich schon viele Sessions gehabt und zeige auch dann die vorhandenen ChatSessions, wo ich ein ähnliches Problem hatte.
Was nicht funktioniert hat
Ich habe die Sprechstunde zuerst nur intern in der IT ausgeschrieben. Naheliegend: Die IT arbeitet ohnehin mit Entwicklungswerkzeugen, da ist die Einstiegshürde am kleinsten.
Es kam niemand (naja, nur 1 bis 2)
Rückblickend war das der lehrreichste Teil. Meine Vermutung, warum: Wer beruflich für Technik zuständig ist, für den ist „ich weiß nicht, wie das geht“ unangenehmer als für andere. Die IT sitzt normalerweise auf der anderen Seite des Tisches. Sich vor Kollegen aus dem eigenen Fachbereich hinzusetzen und Grundlagenfragen zu stellen, kostet mehr Überwindung, nicht weniger. Auch fehlte der Zwang dort hinzugehen. Wenn ein Bereichsleiter einen Termin einstellt, kommen alle. Ist kein Rückhalt da, ist es klar das es nicht wird.
Ich habe die Runde daraufhin für alle Mitarbeiter geöffnet. Das hat zwei Dinge verändert. Erstens kamen bzw. sprachen mich Leute an. Zweitens wurde die Mischung besser: Wenn jemand aus einem ganz anderen Bereich eine Frage stellt, ist es plötzlich völlig normal, dass man das nicht weiß. Das senkt die Hürde auch für die technischen Kollegen.
Wenn ich es nochmal machen würde, würde ich von Anfang an offen ausschreiben.
Sprechstunde oder Workshop?
Beides hat seinen Platz, aber sie lösen unterschiedliche Probleme.
Der Workshop funktioniert, wenn eine Gruppe ein gemeinsames, klar umrissenes Ziel hat: ein Team will einen bestimmten Prozess automatisieren. Es gibt ein Ergebnis, das man am Ende vorzeigen kann. Der Nachteil: Er braucht Vorbereitung, einen Termin, an dem alle können, und ein Thema, das für alle passt. Er skaliert schlecht in die Breite.
Die Sprechstunde funktioniert, wenn das Ziel Verbreitung ist. Sie kostet mich eine Stunde und keine Vorbereitung. Sie erreicht Leute, die sich für einen Workshop nie angemeldet hätten und sie erzeugt Wiederholung. Leute kommen ein zweites und drittes Mal, weil sie jetzt konkretere Fragen haben oder bilden sich sogar selber weiter, weil es cool ist.
Mein Rat: vom Bereichsleiter vorstellen lassen, das ab sofort ein Sprechstunde gibt und einfach Termine eintragen und los. Aus den Fragen, die dort mehrfach auftauchen, ergeben sich die Workshops von selbst und man weiß dann, dass sie ein echtes Bedürfnis treffen. Auch ich lerne aktuell bei jeder Sprechstunde.
Wenn du das nachmachen willst
Konkret und in dieser Reihenfolge:
- Nicht auf ein Konzept warten. Einen Raum buchen, einen Termin in Teams posten, hingehen. Das Format entwickelt sich aus den ersten Terminen.
- Von Anfang an für alle öffnen. Nicht nur für die Abteilung, in der du sitzt.
- Klein halten. Fünf Leute sind das Maximum, bei dem echte Fragen kommen.
- Termine sichtbar machen. Ich pflege eine Wiki-Seite mit allen Terminen und einem Button pro Termin, mit dem man ihn direkt in den eigenen Kalender legt. Klingt nach Kleinigkeit, macht aber den Unterschied zwischen „interessant“ und „ich bin da“. (natürlich hat die Seite die KI erstellt und hält diese auf dem laufenden :-D)
- Regelmäßig bleiben. Die ersten Termine sind leer. Das ist normal und kein Signal, aufzuhören.
- Nichts vorbereiten. Wirklich nichts. Sobald du Folien baust, wird es eine Schulung.
Warum sich das lohnt
Der eigentliche Effekt ist nicht, dass fünf Leute pro Termin etwas lernen. Der Effekt ist, dass sie es weitertragen. Wer einmal gesehen hat, wie ein Kollege eine lästige Aufgabe in zehn Minuten erledigt, erzählt das im eigenen Team.
Das ist der Unterschied zwischen einer Firma, die KI eingekauft hat, und einer Firma, die KI benutzt und genau dieser Unterschied ist gerade der größere Wettbewerbsvorteil .nicht die Frage, welches Modell man lizenziert hat.
Die Technik ist für alle gleich verfügbar. Die Fähigkeit, sie im Alltag zu nutzen, ist es nicht.
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